Der Große Rat
Honoratiorenrunde oder Business Club?
Die Liste seiner Mitglieder liest sich wie ein „Who is who?“ der Mainzer Gesellschaft; sie treffen sich gerne diskret und treten nur einmal im Jahr gemeinsam im Rahmen einer MCV- Sitzung in der Öffentlichkeit auf. Trotzdem ist der Große Rat des Mainzer Carneval Vereins seit 50 Jahren eine wichtige Stütze des Vereins.
Der Große Rat ist kein Aufsichtsrat, der den Vorstand überwacht und auch kein Ältestenrat. Er besteht aus Vertretern der Wirtschaft, die überwiegend nicht einmal Mitglieder des MCV sind. Und doch haben nach seinem Vorbild viele Mainzer Fastnachtsvereine ähnliche Gremien gegründet.
Die Mitglieder des Großen Rates
Ein Blick zurück in die Geschichte des Großen Rates
Um seine Rolle besser zu verstehen, blicken wir für einen Moment in die ersten Nachkriegsjahre zurück, als der damalige MCV-Präsident Karl Moerlé als Handelsvertreter für die Dosen- und Metallverpackungsfabrik Berg tätig war. Deren Inhaber Adam Krautkrämer hatte 1948 maßgebend dazu beigetragen, den ersten deutschen Katholikentag in Mainz zu finanzieren. Davon beeindruckt fasste sich Karl Moerlé ein Herz und bat seinen Chef, der nach Überlieferung aus zuverlässiger Quelle „kaum fastnachtsgeeignet“ war, um tatkräftige Unterstützung für den MCV. Adam Krautkrämer sagte seine Unterstützung sofort zu und trug dazu bei, dass 1950 der erste Rosenmontagszug nach dem Krieg durch die so schwer zerstörte Stadt laufen konnte.
In den folgenden Wirtschaftswunderjahren stieg das Budget des Vereins stetig an; allerdings wurden auch die finanziellen Verpflichtungen, z.B. den Rosenmontagszug vorzufinanzieren, größer. Gleichzeitig war nicht auszuschließen, dass wegen der Krisen im Kalten Krieg die Kampagne einmal ausfallen könnte und der Verein in größte Schwierigkeiten geraten würde. Deshalb bat Moerlé wiederum Krautkrämer, einen Kreis von elf potenten Mainzer Bürgern zu finden, die den Verein dann finanziell unterstützen.
So trafen sich am 22. November 1957 Ludwig Eckes, Wolfgang Jung von der Mainzer Aktienbauerei, der Druckereibesitzer Gottfried Krause, der Hotelier Hans Loeble und Heinz Hermann von Schilling, Kupferberg und Krautkrämer, um den Großen Rat zu gründen. Zum Gründungszweck führt das Protokoll knapp und bündig aus: „ Die Aufgabe besteht in der ideellen und materiellen Unterstützung des seit 120 Jahren bestehenden Brauchtums Mainzer Carneval, insbesondere der Unterstützung des MCV und seiner Arbeit...“. Der jährliche Mindestbeitrag war 1.000,- DM, ein für die 50er Jahre hoher Betrag. Weitere prominente Unternehmer wie Hans Klenk von HAKLE, Hermann Asbach und der WELLA- Mitinhaber Erhard Ströher waren Gründungsmitglieder, aber nicht anwesend.
Für Mainzer Ohren klangvolle Namen sind auch heute mit von der Partie. Nennen sollte man jedoch auch die Sprecher des Großen Rates in den letzten 50 Jahren:
• Adam Krautkrämer
• Generalkonsul Hans Klenk von der Fa. HAKLE
• Dr. Gerd Jung
• Heinz von Schilling
• Carlo von Opel
• Wilhelm Neumann
• und aktuell Dr. Roland Krieg
Der Große Rat, der älteste seiner Art in Mainz ist über 50 Jahre alt – und so lässt sich an seiner Zusammensetzung auch ein Stück Wirtschaftsgeschichte ablesen. Von den 13 Gründungsmitgliedern waren 85% Fabrikanten. Von den heute knaoo 50 Mitgliedern sind nur noch 35% selbständige Unternehmer, 48% angestellte Top-Manager wie Vorstände und Geschäftsführer und 17% Freiberufler. Aber auch der Trend zur Dienstleistungsgesellschaft wird hier deutlich: nur 21% der Räte gehören dem produzierenden Gewerbe an, 79% kommen aus Dienstleistungsunternehmen, davon 23% Banker.
Und ganz zum Schluss ein Tipp, um die diskreten Herren des Großen Rates zum Beispiel in einer Sitzung des MCV doch ausfindig zu machen. Folgender Vermerk aus der Gründungsakte des Großen Rates kann Ihnen helfen: „Jedes Ratsmitglied wird durch eine „Ratskappe“ kenntlich gemacht, die sich von den übrigen Kappen unterscheidet.“ Na dann, viel Spaß beim Suchen in der nächsten Kampagne.




